Statement

der Gründerin Stefanie Mattes

Es ist gar nicht so lange her, da fiel mir eine Geschichte wieder ein, an die ich jahrelang nicht mehr gedacht hatte: 1995 ging ich im Krankenhaus putzen – einer meiner zahlreichen Nebenjobs in den letzten Schuljahren vor dem Abitur. Ich habe in dieser Zeit in einer Schreinerei gearbeitet, bei einem Wäschehersteller gemodelt, gekellnert, als freie Mitarbeiterin für die lokalen Zeitungen geschrieben, Nachhilfe gegeben, bei der Inventur im Baumarkt geholfen oder backstage bei Festivals mitangepackt. Das ging nicht anders: Ich bin in einem schwäbischen Dörfchen aufgewachsen, meine Eltern arbeiteten als Pflegekräfte im Krankenhaus, und ich habe noch drei jüngere Brüder. Natürlich musste ich mein eigenes Geld verdienen.

Jedenfalls kniete ich mit hochrotem Gesicht in der Uniform einer Reinigungskraft auf dem Boden, als – kurz vor Ende meiner frühmorgendlichen Schicht – eine Mitschülerin in einem weißem Medizinerkittel an mir vorbei zum Praktikum eilte. Das Bild hat sich mir eingeprägt.

Viele Jahre später kam es mir wieder in den Sinn. Inzwischen hatte ich Karriere gemacht, allerdings alles andere als gradlinig. Ich arbeite als Führungskraft in einem großen deutschen Konzern und bin eigentlich ziemlich zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Neben der Arbeit engagiere ich mich seit fast zehn Jahren als Mentorin – zum einen für die Roland Berger Stiftung, die sich um Kinder und Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen kümmert, zum anderen für das Mentoring-Programm der renommierten Hochschule St. Gallen. Beide Mentees sind wunderbare, intelligente und neugierige junge Frauen. Nur hat die eine zwischen Abitur und Semesterstart in der Filiale einer Schmuck-Einzelhandelskette gejobbt, während die andere in Asien wertvolle Erfahrungen für ihr Studium sammeln konnte. Da musste ich wieder an den Moment auf dem Klinikflur denken.

Ich bin die erste in meiner Familie, die Abitur machte, meine drei Brüder haben inzwischen ebenfalls das Gymnasium abgeschlossen und studiert. Diese Chance verdanken wir unseren Eltern, die neben der Arbeit im Krankenhaus zusätzliche Jobs annahmen, zum Beispiel bei der Renovierung von Fachwerkhäusern halfen. Dafür bin ich ihnen dankbar, denn sehr früh wusste ich, dass ich aus meinem Dorf raus und mehr von der Welt sehen wollte.

Dafür schien mir ein Studium der richtige Weg zu sein, Meine Eltern bestanden auf einem „vernünftigen“ Fach, einem, womit ich später auch sicher Geld verdienen würde. Mit Jura war ich einverstanden: Schließlich gab es Völkerrecht, und so begann ich, mit kurz vor 20 von einer Diplomatinnenkarriere zu träumen. Auch während des Studiums kellnerte ich, um das BAföG aufzubessern. Ein Auslandsemester schien mir finanziell unmöglich. Ich wollte so schnell wie möglich fertigwerden, auch um meine Familie zu entlasten.
Leider habe ich dann die Aufnahmeprüfung fürs Auswärtige Amt gleich zwei Mal nicht bestanden. Ich bin mit dem Glauben ans Leistungsprinzip groß geworden. Vielleicht tut Scheitern dann noch mehr weh. Jedenfalls tat es sehr weh, trotz erfolgreich abgeschlossenem zweiten Staatsexamen nicht zu wissen, wohin es gehen sollte. Einen Plan B hatte ich nicht, genauso wenig jemanden, der mir raten konnte, und selbstverständlich keinerlei Netzwerke. Für mich bedeutete das erst mal: Ich-AG und so wenig Geld wie nie zuvor. Ich konzentrierte mich auf das, was ich hatte, suchte nach neuen beruflichen Zielen im Rahmen dessen, was ich mir vorstellen konnte, und schrieb Bewerbungen.

Nach einer längeren Durststrecke bekam ich dann eine Chance, als freie Mitarbeiterin. Mein Thema waren Telekommunikation und Medien, was mich auch im Studium schon interessiert hatte. Meine Chefin dort empfahl mich an einen Kollegen weiter, dem ich im Rahmen meiner Tätigkeit auch schon persönlich begegnet war. So klappte es dann auch mit der ersten Festanstellung – und ich erlebte zum ersten Mal, wie ein persönlicher Kontakt Türen öffnet. Mein erster Arbeitgeber ging allerdings kein Jahr später insolvent, das erwischte mich kalt. Doch über deren Auffanggesellschaft kam ich auf Umwegen schließlich in meine jetzige Position.

Ich habe also keinen Grund, mich zu beschweren. Ich habe nicht aufgegeben, mich nicht einschüchtern lassen, bin immer wieder aufgestanden und dafür auch belohnt worden. Aber wie viel leichter wäre das gewesen, wenn ich die Welt, in der ich erfolgreich sein wollte, von vornherein besser verstanden hätte? Wenn sie mir vielleicht sogar jemand aufgeschlossen und erklärt hätte?

Darum geht es mir heute mit dem Projekt „Aufsteiger“. Ich will damit für eine gerechtere Chancenverteilung eintreten. Ich will für Menschen, die weniger Chancen mit auf den Weg bekommen haben, die Anzahl dieser erhöhen und ebenso die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Chancen dann auch nutzen können.

Ich habe immer gewusst, dass ich gerne Verantwortung und Führung übernehme. Nur wusste ich anfangs nicht richtig, wie ich das innerhalb eines Unternehmens anstellen sollte, mal abgesehen natürlich von stetig guter Leistung. Von Mentoring hatte ich zum Beispiel nie gehört, bis ich mich mit Mitte 30 selbst bei der Roland-Berger-Stiftung zu engagieren begann.

Ich weiß, was es bedeutet, in der Minderheit zu sein: als Frau in einem männerdominierten Umfeld oder als introvertierter Mensch in einer extrovertierten Umgebung. Damit habe ich mich über die Zeit intensiv auseinandergesetzt, und es hat sicher auch zu meiner Überzeugung beigetragen, dass Schubladen kein idealer Aufenthaltsort für Menschen sind.

Dass ich aber auch mit meiner Biografie und meiner Familie zu einer Minderheit in meinem beruflichen Umfeld gehöre, wurde mir erst spät bewusst. Über den soziale Hintergrund wird nach meiner Erfahrung einfach so gut wie nie gesprochen. Als ich im Gespräch mit einem Headhunter zum ersten Mal in einem beruflichen Kontext erwähnte, dass meine Eltern als Krankenpfleger arbeiteten, entgegnete der: „Ach, darum sieht Ihr Lebenslauf so aus. Aber seien Sie doch froh, dass Sie es unter diesen Umständen überhaupt so weit geschafft haben.“ Ein anderer sagte mir wenig später, dass mir das „Netzwerk nach oben“ fehle.

All diese Erlebnisse und Gedanken stießen mich immer wieder auf die Frage, wie stark der soziale Hintergrund die Karriere beeinflussen kann, und welche Folgen das hat – nicht nur für die Einzelnen, auch für die Unternehmen und die Gesellschaft. Und an dieser Situation will ich mit „Aufsteiger“ etwas ändern – durch Beziehungen, die Wissen, Einsicht und Austausch ermöglichen.